KONZERTHAUS RIGA

Klaus Kada + Gerhard Wittfeld

Wettbewerb 2006

Auslober: Lettisches Kulturministerium, 3 Brothers Inc. Riga, Latvia
BGF: 19226m²
BRI: 113900m³
1250 Sitzplätze (großer Saal)

300 Sitzplätze (kleiner Saal)

450 Sitzplätze (Probensaal)
Kosten: ca. 34 Mio. €

Team:

Dirk Zweering, Kilian Kada, Ute Schmidt,
Gereon Köppers, Tim Lüdtke, Andrea Thörner,
Max Koch, Matthias Faber (Modell), Susanne Lüschen (Modell)
Sascha Thomas (Renderings),

Akustik: Nagata Acoustics Los Angeles

Stadtvedute

Die Lage der Stadt Riga am Fluss Daugava ist ein wesentlicher Grund für die historische Entwicklung Rigas hin zur heute boomenden Metropole Lettlands und der baltischen Staaten. Die pittoreske historische Altstadt zeugt noch heute von diesem reichen Erbe und ist nicht zuletzt auf Grund ihrer herausragenden Lage am Fluss eine Herzensangelegenheit des lettischen Volkes.

Die Inszenierung dieser einzigartigen Situation wird zum Thema des Entwurfes der Konzerthalle, die sich vis-a-vis zur historischen Silhouette in direkter Sichtverbindung vom altstadtseitigen Platz Latviešu strēlnieku laukums auf dem AB-Damm positioniert mit Blick zurück auf die gegenüberliegende Stadtvedute.
Die Lage an der Kontaktstelle des Damms zum Festland gewährleistet die optimale Erreichbarkeit sowohl fußläufig als auch mit dem PKW über die Steinbrücke und eine sich anschließende großzügige Vorfahrt. Der inszenierte Weg von der Brücke auf die Promenade stärkt die Uferzone und verknüpft sich mit den Wegesystemen der erweiterten Stadt.
Zusammen mit Bibliothek und Hotel bildet die Konzerthalle den Kern einer neuen kulturellen Entwicklung an diesem Flussufer.

Promenade generiert Foyer

Der AB-Damm fügt sich in ein Band von Grünflächen ein, die sich entlang des linken Flussufers erstrecken und spielt eine wichtige Rolle bei der innerstädtischen Grünraumvernetzung, welche im Hinblick auf die enorme städtebauliche Entwicklung Rigas einen wesentlichen Teil zur Sicherung der Lebensqualität der Bürger beiträgt.
Die Konzerthalle gliedert sich als ein zusätzlicher Attraktor in diesen Grünraum ein, ohne den Zugang zum Damm zu verstellen. Vielmehr bietet sie einer breiten Promenade Raum, die sich über den gesamten Damm erstreckt und im Gebäude zur dreidimensionalen Topografie des Foyers entwickelt.
Das allseitig verglaste Foyer bildet zum Fluss hin eine terrassierte Landschaft aus, die die Konzertbesucher vor und nach den Konzerten sowie in den Pausen durch den großartigen Ausblick über die Daugava auf die Silhouette der Altstadt zum Verweilen einlädt.
Die unterschiedlichen Niveaus der Terrassen und Ebenen werden von dem Foyer zugeordneten Funktionen wie Cafe, Restaurant, Bars und Shops bespielt, die gleichzeitig auch die Promenade beleben.

Die Konzertbesucher betreten das Haus ebenerdig auf dem Niveau des Dammes, auf dem sich auch die Kasse, die Information, Garderoben und WC’s befinden.
Bequeme und großzügige Treppen sowie eine Rolltreppe führen von hier auf das weitläufige Foyerniveau, welches das Parkett des Großen Saales, den Kleinen Saal und den Großen Probensaal erschließt.
Der Luftraum des Foyers wird von den Foyerebenen der Ränge darüber animiert, die über raumgreifende Schautreppen oder bequem mit Aufzügen erreicht werden.

Der Große Saal: Shoebox mit Atmosphäre

Der Große Saal bildet das zentrale Element des Hauses und richtet sich entsprechend des Grundgedankens des Gebäudes axial zu Altstadt aus.
Der Saal ist akustisch als Shoebox konzipiert und bietet ca.650 reguläre Plätze im Parkett, weitere 300 im ersten Rang und 230 im zweiten Rang, sowie 174 Chorplätze.
Für alle Plätze sind optimale akustische Vorraussetzungen geschaffen. Gleichzeitig entsteht durch die individuelle Orientierung jedes einzelnen Balkons zum Bühnenmittelpunkt hin und durch das „Umfließen“ des Musikraumes durch diese Elemente , die sich mit Orgelempore und Chorterrasse verbinden, eine intime, innige Atmosphäre. Diese Saalphysiognomie verspricht durch gemeinsame Zuwendung der Besucher zum Mittelpunkt der Aufführung hin ein besonderes, stimmungsvolles Musikerlebnis.
Seitliche Beleuchtungsschlitze über den Erschließungszonen der Balkone erhellen die Seitenwände des Saales und schaffen ein eindringliches und stimmungsvolles Ambiente beim Konzertbesuch.
Nach dem Konzert öffnet sich der Saal zur Stadt und lässt die Foyers zu Bühnen vor dem Panorama der Altstadt werden, auf denen die Besucher selbst sich zu Akteuren verwandeln.

Skulptur am Wasser

Das alles überkragende Dach wächst aus dem Körper des Großen Saals und überragt den seitlich angelagerten Kleinen Saal, der nach Aussen als freier Körper die Schauseite zum Eingang bildet.
Von dort aus lässt sich im exklusiven VIP-Bereich das Geschehen überblicken.
Zur flussabgewandten Seite entwickelt sich das Dach nach unten und verformt sich zu einer rückwärtigen Schwinge, die sechs Geschosse mit den dem Konzertbetrieb zugeordneten Funktionen aufnimmt. Zwischen dem eigentlichen Saalkörper und diesem hinteren Trakt bildet sich eine geräumige und natürlich belichtete Schlucht über dem Backstagebereich. Diese Schlucht öffnet sich seitlich; das Wasser des Beckens zieht sich lagunenartig bis in das Gebäude hinein und ermöglicht so dem Backstagebereich und dem Probensaal, einen direkten Bezug zum Wasser zu entwickeln.
Die besondere Lage des Hauses auf der Landzunge wird auch für die Künstler und Angestellten zur unmittelbar wahrnehmbaren und einzigartigen Qualität. Diese betreten das Haus über den Backstage-Eingang, der über eine breite Brücke vom Ufer aus erreicht wird. Auch die Anlieferung kann von hier aus optimal erfolgen.
Die amorphe Gestalt des Konzerthauses wird mit seiner einzigartigen skulpturalen Form zum Identifikationsobjekt der Metropole Riga.

Lagune – Promenade – Fluss

Somit zeigt sich das Gebäude zur Stadt als einheitlicher Körper, während es im Inneren differenziert von der besonderen Position zwischen den drei Situationen am Fluss, auf dem Damm und zur Lagune hin profitiert und diese zum Anlass einer architektonischen Haltung nimmt.

Konstruktion und Technik

Der Große Saal bildet sowohl inhaltlich als auch konstruktiv das zentrale Element des Gebäudes.
Die Stahlfachwerkkonstruktion des frei auskragenden Daches lastet auf den Wänden des Stahlbetonkörpers des Saales, der ebenso wie die Ebene des Untergeschosses (-4.10m) in Massivbauweise entwickelt ist. Die raumtiefen seitlichen Saalwände bilden hierbei ein massives Raumtragwerk, das sowohl vertikale als auch horizontale Lasten aufnimmt.
Der im hinteren Teil angebundene Geschossbau ist als Stahlbetonskelettbau konzipiert. Die Fundamentierung erfolgt nach den Erfordernissen der vorhandenen Situation mittels Betonbohrpfählen bis auf tragenden Untergrund.
Es werden weitgehend natürliche und wieder verwertbare Materialien eingesetzt.
Die erforderlichen Technikflächen werden je nach haustechnischer Notwendigkeit im Untergeschoss und im Dachraum untergebracht.
Die Raumklimatisierung der Foyers und Veranstaltungsräume erfolgt weitgehend als mechanische Lüftung durch Zuluftöffnungen über den verschatteten Wasserflächen, die im Sommer für eine optimale Vorkühlung der Zuluft sorgen. Die Verschattung des auskragenden Daches verringert darüber hinaus die unerwünschten solaren Einträge über die Glasfassaden.
In den kühlen Jahreszeiten erfolgt eine Energierückgewinnung aus der erwärmten Abluft über Luft-Luft-Wärmetauscher.
Auf diese Weise lässt sich das Konzerthaus als nachhaltiges und ressourcenschonendes Gebäude errichten, das die gestellten ökologischen Ansprüche an die Bauaufgabe vollends erfüllt.